2023
Dr. Bertold Moos-Preis
Toleranz und der viktorianische Roman: die literarische Verhandlung einer einfach schweren Praxis
Der Wissenschaftspreis 2023 würdigte eine herausragende literaturwissenschaftliche Arbeit, die dem gesellschaftlich hochaktuellen Toleranzbegriff eine neue, tiefere Dimension verleiht. Die prämierte Forschung von Dr. Nina Engelhardt analysiert viktorianische Romane und geht der zentralen Frage nach, wie Literatur die oft schmerzhafte Praxis des Aushaltens verhandelt. Sie schließt damit eine Lücke, da die literarische Perspektive in der Debatte um Toleranz – anders als die soziologische oder philosophische – bisher kaum Beachtung fand.
Die wissenschaftliche Bedeutung des Projekts liegt in seinem neuartigen und, so Laudator Johann Beichel, „spektakulären“ Ansatz. Dr. Engelhardt führt den Toleranzbegriff auf seine lateinische Wurzel tolerare (ertragen, erdulden) zurück und zeigt, wie Romane von Autoren wie Charles Dickens oder George Eliot dieses Erleiden erzählerisch gestalten. Damit wird Toleranz nicht als passive Gleichgültigkeit, sondern als aktiver, emotionaler und oft anstrengender Prozess fassbar gemacht, was eine völlig neue Verständnisebene eröffnet.
Von höchster gesellschaftlicher Relevanz ist diese Forschung in Zeiten zunehmender Polarisierung. Sie erinnert daran, dass eine funktionierende Gemeinschaft nicht auf grenzenloser Akzeptanz, sondern auf der Bereitschaft beruht, Andersartigkeit auszuhalten, um gemeinsame Werte zu verteidigen. Wie es Dr. Engelhardt formuliert: „Toleranz ist nicht uneingeschränkt ein gutes Wort, aber Toleranz ist vor allem eins – unabdingbar.“ Ihre Arbeit liefert wertvolle Impulse für eine differenziertere und ehrlichere gesellschaftliche Debatte.
Ein besonderes Merkmal der Arbeit ist der Nachweis, wie Literatur als Übungsfeld für Empathie dienen kann. Dr. Engelhardt bringt es auf den Punkt: „Literatur kann Toleranz emotional erfahrbar machen und so dazu beitragen, Toleranz zu denken, vorstellbar zu machen und in der Vorstellung zu üben.“ Diese Erkenntnis unterstreicht eindrücklich die unverzichtbare Rolle der Geisteswissenschaften für das soziale Miteinander.
Preisträgerin
Dr. Nina Engelhardt
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